Man muss nicht alles gesehen haben.

Eigentlich bin ich ja bekennender Fan des Horror-Film-Genres. Eigentlich.

Und ich habe in den 80ern auch so ziemlich den ganzen krassen Shit gesehen, der da so auf dem Markt war. In jenen Tagen war ja die gute, alte VHS-Kassette der Datenträger der Wahl und die Bildqualität dementsprechend bescheiden. Dazu kam noch die wilde Kopiererei, die, hui, natürlich verboten war. Von Ruggero Deodatos „Cannibal Holocaust“ besaß ich mal die Kopie der Kopie der Kopie, was insbesondere die unnötigen Tiersnuff-Szenen durch die zwangsläufige Unschärfe erst erträglich machte.

Grundsätzlich lief das damals ja so: Kumpels hatten die Filme immer über irgendwelche nicht näher definierte dunkle Kanäle „reinbekommen“ und das blutige Zeug, damals noch in der Regel mit eher amüsierenden, grottenschlechten Spezialeffekten versehen, wurde johlend in der pubertierenden Kleingruppe wegkonsumiert.

Zensur wurde damals natürlich einstimmig als bösartiger Eingriff in den mündigen Bürger gesehen – lustig besonders angesichts der Tatsache, dass keiner von uns volljährig war. Die (damals noch stellvertretende) Vorsitzende der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, Elke Monssen-Engberding, die sich besonders dem Kampf gegen Horrorfilme verschrieben hatte, war für uns selbsternannte, Gore-liebende Freigeister die Hassfigur schlechthin.

Nun ja, das ist lange her und die Faszination für das Gemetzel ist ein wenig abgekühlt. Trotzdem schaue ich so’n Zeug noch immer gerne. Da traf es sich gut, dass sich bei meinem Arbeitgeber ein illustrer Kreis zusammen gefunden hatte, der sich so ca. alle sechs Wochen zur „Fright Night“ trifft um nach Feierabend in einem Konfi zusammen zwei Horrorfilme zu schauen. Also fast wie früher, nur dieses Mal mit Leuten, die die Filme, die sie da schauen, auch tatsächlich schauen dürfen.

Am gestrigen Abend war es mal wieder soweit. Auf dem Programm standen zum ersten „Fragile“ mit Ally-McBeal-Bohnenstange Calista Flockhart. Prädikat: ganz OK. Angesichts der Besetzung war natürlich kein Gore zu erwarten, schon gar kein krasser. Aber an der guten Frau Flockhart wäre ja auch ohnehin nicht viel Fleisch dran gewesen.

Der zweite Film kam dann doch schon eher aus der magenumdrehenden Ecke: „The Collector“. Man nehme sämtliche „Saw“-Teile (der Regisseur hatte für die Teile 4 bis 7 ohnehin das Drehbuch geschrieben, sie an!), ziehe aus ihnen die fiesesten Folterszenen und packe alles in einen Film mit auf einen Bierdeckel passender Minimalstory. Natürlich inklusive, sonst ist es nicht echt, reichlich Logikfehler.

Medizinisch fragwürdige Mund-Chirurgie in "The Collector"

Medizinisch fragwürdige Mund-Chirurgie in „The Collector“

Die Torture-Porn-Sequenzen sind hierbei so ausgereizt und explizit, dass ich, der sich zu Beginn noch königlich über die sich laufend von der Leinwand abwendende Kollegin amüsiert hatte, am Schluss dieses Festival des Ekels selbst nicht mehr ertragen konnte und wegschauen musste. Und wollte.

Mein daraus resultierender Facebook-Eintrag, in dem ich mich über die Ekelhaftigkeit des soeben Gesehenen echauffierte, wurde natürlich sogleich dahin gehend kassiert, dass es da ja noch viel sickeren Shit gäbe und ich ne Muschi wäre. „Bei Human Centipede 2 reichen schon die Bilder auf schnittberichte.com“ lautete ein Kommentar. Ich habe das gleich mal ausprobiert. Die Neugier hat gesiegt. Und es stimmt. Die Bilder haben mir gereicht. Deshalb an dieser Stelle hier auch keine davon. Das sollte jeder selbst entscheiden, ob er sich diese Abartigkeiten zumuten will.

Und seit gestern frage ich mich ernsthaft: Wer braucht so einen kranken Scheiß? Wem macht so etwas Spaß? Was sind das für Menschen, die dabei Zerstreuung, ja, gar Entspannung finden? Bei Torture-Porn ist die Grenze für mich endgültig überschritten. Das ist einfach nur noch krank und darf gerne zensiert oder von mir aus auch gleich verboten werden. Wobei Verbote das sicke Zeug in den Augen der Fans ja ohnehin nur noch wertvoller machen.

Ich werde das alles wohl nie verstehen. Das Schöne: Ich muss auch nicht alles verstehen. Und, viel wichtiger, ich muss vor allem auch nicht alles sehen.

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