Ich fühl‘ mich sicher!

Denn ich finde nur die DFL bedrohlich.

Dank der 12 Schweigeminuten und –sekunden an den letzten beiden Spieltagen dürfte inzwischen auch der letzte Eventi mitbekommen haben, worum es den Fanszenen in Deutschland geht: Sie wollen verhindern, dass aus Fußball eine klinisch-reine, glattgezogene Geldverwertungsmaschine ohne jegliche Atmo wird.

Wobei gegen die Geld-Sache natürlich erst mal so grundsätzlich nichts einzuwenden ist. Die Geldmaschine Fußball in die wildromantischen Nachkriegsjahre zurück drehen zu wollen, was einige Puristen ja tatsächlich am liebsten so hätten, ist an fehlendem Realismus kaum zu toppen. Denn vom eingenommenen Geld kaufen die Vereine Spieler, bauen und modernisieren die Stadien oder beteiligen sich zumindest daran und legen so den Grundstein für weitere Einnahmen aus Kartenverkauf und TV-Geldern. Und letzten Endes auch für die von den Fans geforderten Titel.

Die DFL scheint allerdings zu denken, dass dieser Geldfluss, an dem sich natürlich auch ein Haufen Funktionäre gütlich tun, nur dann gewährleistet ist, wenn das dafür erforderliche Fußballspiel möglichst reibungslos und ohne besondere Vorkommnisse über die Bühne geht. Der Fan an sich – und das bedrückende Polizei-Aufgebot vor den Stadien macht hierbei erst mal keinen Unterschied zwischen Kurven-Ultra und Kuchenblock-VIP – wird als potenzielle Gefahr für das Spielgeschehen gesehen, auf den man am liebsten verzichten würde, wäre da nicht die Kleinigkeit mit den Einnahmen aus dem Kartenverkauf, die einen lukrativen Stadienbetrieb überhaupt erst ermöglichen.

Hierbei werden sie von den Medien natürlich nach Kräften unterstützt. Die Nachplapperer, die nie ins Stadion gehen, aber zum Thema natürlich auch eine Meinung haben, haben fast gar keine andere Chance, als nach der Lektüre von BLÖD und Konsorten zu denken, ein Fußballstadion-Besuch sei ungefähr so lebensgefährlich wie ein Camel-Trip durchs Amazonas-Delta.

Ich fühl' mich sicher!

Die Fakten muten da fast schon enttäuschend an: In den Stadien passiert nämlich so gut wie keine Gewalttat. Die oft geschmähten Ultras machen nix außer guter Stimmung und die von den Zeitung, Funk und Fernsehen zur Geißel des Sports auserkorenen Hooligans sind bestimmt nicht so blöd, sich dort zu beulen, wo es von MEK-Beamten nur so wimmelt. Die machen das, wenn überhaupt, irgendwo auf einem Acker, den die fußballsemiinteressierten Prügelknaben mit ihren Pendants des anderen Vereins vorher ausmachen, moderne Kommunikationsmittel sei Dank. Im Behördendeutsch heißt dies „Drittort-Auseinandersetzung“. Der normale Stadionbesucher, der an Keilerei kein Interesse hat, bekommt von alledem überhaupt nichts mit.

In der kompletten Saison 2011/2012 wurden bei allen Erst- und Zweitligaspielen zusammen 1146 Menschen verletzt, wie man der Zentralen Informationsstelle für Sporteinsätze entnehmen kann. Das klingt jetzt erst mal viel, denkt man aber daran, dass es hier um insgesamt 68 Veranstaltungen, die von satten 18,8 Millionen Zuschauern besucht werden, geht, fällt einem auf, wie lächerlich das Ganze doch ist. Bei jedem Spiel werden also im Durchschnitt nicht ganz zwei Zuschauer verletzt – wobei die ZIS zwischen Leicht- und Schwerverletzten noch nicht einmal unterscheidet. Ein Kind, das sich an der scharfen Kante eines Trinkbechers schneidet, wird in dieser Statistik auch erfasst.

Das Münchener Oktoberfest braucht für 1146 Verletzte übrigens keine zwei Tage. Oans, Zwoa, auf’s Maul!

Will heißen: Otto Normalo und Lieschen Müller können in den Stadien völlig unbehelligt ihre Acrylamid-Wurst mampfen und das Spiel sehen. Warum auch nicht? Denn auch dem engstirnigsten Ultra dürfte klar sein, dass mit den 11-Euro-Stehplatztickets von ihm und seinen fahnenschwenkenden Mitstreitern kein kostendeckender, geschweige denn gewinnbringender Stadienbetrieb in einer 50.000-und-mehr-Zuschauer-Arena durchgeführt werden kann. Die Mischung macht’s also: Die Fankurven brauchen die Sitzplatz-Pupser oder zumindest deren Geld, die Langweiler auf den Geraden brauchen die Kurven, damit in ihrem Station Stimmung aufkommt, ohne dass sie dafür den Hintern heben oder den Mund aufmachen müssen.

In diesem Sinne: https://www.ich-fuehl-mich-sicher.de

Tragt euch ein! Heute in einer Woche soll ein neues DFL-Papier zur „Stadionsicherheit“ verabschiedet werden. Es bleibt zu hoffen, dass in ihm weniger Blödsinn als im Erstentwurf steht.

4 Kommentare

  1. Bendskovski

    Die ZIS unterscheidet nicht mal, ob Verletzungen durch Polizeikräften entstanden sind. Andererseits haben die ChosenFew eindrucksvoll bewiesen, dass Pyronicht in die Kurve gehört, zumindest nicht so wie es jetzt ist. Vielleicht sollte man doch Herrn Spahn zurückholen und konstruktiv verhandeln.

    • iamtheknowledge

      Die Aktion der CF war wirklich reichlich peinlich und der momentanen Pyro-Debatte nicht gerade dienlich …

  2. Jakob

    Ich gehe seit Jahren regelmäßig ins Stadion. Ich stand inmitten aller Ultras, ich war in Fanbussen und Zügen unterwegs, habe Auswärtsspiele im Gästeblock mitgemacht und an Fanmärschen teilgenommen. Sicher, hier und da schlägt mal einer über die Strenge. Aber ein Fussballstadion ist eben auch nur ein Querschnitt der Bevölkerung. Und bei 50.000 Menschen sind halt auch einige Vollkoffer dabei. Auf der Straße genauso wie auf der Autobahn.

    Wichtig in diesem Zusammenhang ist nur: ich habe mich noch NIE unsicher gefühlt, bin geschweige denn in eine unangenehme Situation verwickelt gewesen.

    • iamtheknowledge

      Ich bin kein Auswärtsfahrer, schon gar kein regelmäßiger, aber ich kann deinen Kommentar zu 100 Prozent unterschreiben.

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